Handyfreie Schule: Bis zu 94 Benachrichtigungen pro Stunde


Neues Buch liefert Daten, die für eine Ausweitung des Handy-Verbots auf die Oberstufe sprechen

Während auf EU- und Bundesebene noch an Regulierungsentwürfen für soziale Netzwerke gearbeitet wird und das Bildungsministerium das geltende Handyverbot für die Unterstufe evaluiert, setzen immer mehr Schulen bereits eigenständig strengere Regeln um.

Kommt das Handyverbot für die Oberstufe?

Im Jänner 2026 schloss eine Befragung des Bildungsministers an Eltern und Lehrer:innen mit der Frage: „Sind Sie dafür, das Handyverbot in Schulen auf die Oberstufe auszuweiten?“ Im Juni lud das Anton-Proksch-Institut Fachkräfte zu Fokusgruppen zur „Evaluation des Handyverbots unter besonderer Berücksichtigung einer Erweiterung auf die Sekundarstufe 2“. Strengere Regeln für Schulen stehen im Raum. „Wer vorbereitet ist, profitiert“, ist sich Andrea Buhl-Aigner sicher. In ihrem neuen Buch „Handyfreie Schule – Vom Dauerkonflikt zur gelebten Regel“ liefert sie einen vollständigen Praxisleitfaden. Buhl-Aigner hat für dieses Buch zwei Schulleiterinnen aus Niederösterreich begleitet, die Daten zeigen, warum Handeln unausweichlich ist.

Wie stark Handys den Unterricht stören

In einem Experiment erfassten Lehrende am BG/BRG Bruck an der Leitha, wie viele Benachrichtigungen auf den Smartphones der Schüler:innen während einer Unterrichtsstunde eingehen: Zwischen 27 (in Unterstufenklassen) und 60 (in Oberstufenklassen) Benachrichtigungen wurden durchschnittlich pro Unterrichtsstunde gezählt. Der Höchstwert wurde in einer 8. Klasse Oberstufe gemessen, auf nur 17 Geräten kamen innerhalb von 50 Minuten 94 Benachrichtigungen an. Die Werte widersprechen der verbreiteten Annahme, Oberstufenschüler:innen benötigten vor allem mehr Eigenverantwortung statt Regulierung.

Unklare Vorgaben führen in vielen Schulen zu Frust

Die geltende Schulordnung schreibt nicht vor, wie das Handyverbot im Detail umzusetzen ist. Andrea Buhl-Aigner hat in ihrer Arbeit als Smartphone Coach über 100 Schulen in Wien und Niederösterreich besucht und sehr unterschiedliche Herangehensweisen an das Handyverbot gesehen: „Es macht einen großen Unterschied, wie die Geräte verwahrt werden, ob Schule und Eltern zusammenarbeiten, ob es Informationskampagnen oder Weiterbildungsangebote für die Lehrenden gibt, und ob die Schüler:innen bei der Entwicklung der Regeln mitreden durften. In manchen Schulen funktioniert das Handyverbot sehr gut. In vielen Schulen gibt es Schwierigkeiten im Schulalltag, da hakt es bei der konsequenten Umsetzung oder der Akzeptanz bei Eltern und Schüler:innen. Dann muss im Schulalltag dauernd nachreguliert werden, das ist anstrengend und frustrierend für alle Beteiligten.“

Cover des Buchs "Handyfreie Schule - Vom Dauerkonflikt zur gelebten Regel" von Andrea Buhl-Aigner

Digitale Kompetenz statt Handyverbot-Vorwurf

„Das Ziel ist nicht, das Handy wegzunehmen – wir wollen Konzentration, Aufmerksamkeit und Lernen ohne Ablenkung zurückgeben.“, sagt Sabine Puchinger, ausgebildete Schulentwicklerin und Schulleiterin am BG/BRG Bruck an der Leitha. Den Vorwurf, ihr Vorhaben wäre „digitalisierungsfeindlich“, mussten sich die Schulleiterinnen in vergangenen drei Jahren häufig anhören. „Wir sind absolute Freunde von Digital Skills. Aber das hat nichts damit zu tun, dass ich am Handy in der Schleife festhänge“, ergänzt Hemma Poledna, Schulleiterin am BG/BRG Klosterneuburg. Mit ihren Teams entwickeln sie Zugänge für einen positiven und förderlichen Umgang mit digitalen Medien im Unterricht. Theresia Frass-Knierzinger, Lehrerin und Qualitäts-Schulkoordinatorin am BG/BRG Klosterneuburg, gibt Einblick: „Wir sind eine handyfreie Schule und jetzt müssen wir uns damit beschäftigen, wie wir die Dinge methodisch richtig einsetzen. Wenn ich sage: ‚Ihr nehmt zu fünft einen Laptop‘, habe ich viel mehr Output als sie nehmen ihr Handy raus. Das Handy ist zum Recherchieren das letztbeste Gerät.“

Regeln, Widerstände, Abläufe: der Prozess ist in allen Schulen gleich

„Alle Schulen stehen mit dem Handy-Verbot vor den gleichen Herausforderungen. Sie beantworten Fragen, lösen Widerstände und Sorgen auf, entwickeln Regeln, erstellen Informationen, klären Verantwortlichkeiten und implementieren neue Abläufe“, fasst Andrea Buhl-Aigner zusammen. „Bis jetzt hat jede Schule bei Null begonnen oder auf informellem Weg Informationen bei Schulleiter:innen angefragt, die das schon umgesetzt hatten. In „Handyfreie Schule“ werden diese Informationen erstmals gesammelt und strukturiert zur Verfügung gestellt, das wird vielen Schulen eine Menge Zeit und Arbeit sparen.“

Der erste Praxisleitfaden für Schulen

„Handyfreie Schule“ richtet sich als praxisnahes Umsetzungswerkzeug an Pädagog:innen, Schulleiter:innen und Schulentwickler:innen. Der Leitfaden beschreibt den vollständigen Prozess, von der Bewertung der Ausgangslage bis zur Einführung von neuen Regeln. Zahlreiche Studien bilden die wissenschaftliche Grundlage: „Die Argumentationslinie der Schule sollte immer auf soliden Daten basieren“, so Buhl-Aigner. Die Erfahrungen der Beteiligten fließen durch Interviews mit Lehrkräften und dem administrativen Personal ein, die diese Regelung im Schulalltag umsetzen.

1.637 Befragte belegen Erfolg der Regelungen

920 Erziehungsberechtigte, 113 Lehrkräfte und 604 Schüler:innen aus zwei Schulen sind sich weitgehend einig: die handyfreie Schule bringt überwiegend positive Effekte. Eltern und Lehrende finden wenig Anlass zur Kritik. Gegenstimmen bemängeln zu wenige Ausnahmen für die Oberstufenschüler:innen und eine erschwerte Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Die Evaluierung zeigt außerdem, wo dringend Nachholbedarf besteht: der Einsatz von Handys im Unterricht und fehlende Vorgaben bei der Nutzung von Schulgeräten. Ungeregelter Umgang mit Tablets und Laptops schwächt die handyfreie Schule, hier gibt es noch Raum für Verbesserungen.

Nachmachen erwünscht – Schulen teilen ihre Vorlagen und Ergebnisse

Das Buch enthält zusätzlich 17 praxiserprobte Downloads, die beim Weg zur handyfreien Schule unterstützen sollen, u.a. die Unterrichtsvorlage für den beschriebenen Benachrichtigungsversuch, Argumentationsgrundlagen oder einen Folder über die zentralen Werte der „handyfreien Schule“ inklusive professionellen Illustrationen. „In Zusammenarbeit mit Hemma Poledna und Sabine Puchinger ist es erstmals gelungen, den ganzen Prozess du dokumentieren. Die beiden Schulleiter:innen bekommen seit Monaten Anfragen von Schulen, die den gleichen Weg gehen wollen. Durch die Publikation wird das für alle einfacher“, freut sich Buhl-Aigner.

Stimmen aus dem Buch

„Wir unterschätzen, wie stark die Auswirkungen auf die Köpfe und Herzen unserer Kinder sind. Wir stehen auf der Seite der Schüler:innen, wenn wir das tun. Das werden sie sicher merken – aber wahrscheinlich erst später.“ (Hemma Poledna, Schulleiterin, BG/BRG Klosterneuburg)

„Wir haben ein Jahr lang überlegt, für die Schüler:innen war es in einer Woche Normalität.“ (Christoph Eisenkölbl, Mathematiklehrer, BG/BRG Bruck an der Leitha)

„Es ist lauter geworden. Sie sind aktiver, sie beschäftigen sich mehr miteinander.“ (Britta Bauer-Kühner, Englischlehrerin am BG/BRG Bruck an der Leitha)

Buchdaten

Titel: Handyfreie Schule – Vom Dauerkonflikt zur gelebten Regel
Autorin: Andrea Buhl-Aigner, Co-Autorin: DI Stefanie Jirgal
ISBN Taschenbuch: 978-3-99192-822-5 · ISBN E-Book: 978-3-99192-821-8

Leseprobe und Bestellung:

Taschenbuch: https://www.buchschmiede.at/app/book/362972-Andrea-Buhl-Aigner-Handyfreie-Schule;bookType=PB

E-Book: https://smartphonecoach.mytentary.com/p/PmM4aw